Dr. phil. Christoph Quarch

Europäischer Bürgerdienst

Offener Brief an die Vorsitzenden von CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und Linke sowie an den Präsidenten des Europäischen Parlamentes

Vorschlag: Einführung eines Europäischen Bürgerdienstes

Ich schreibe diese Zeilen als besorgter Bürger, der sich in einer krisengeschüttelten Zeit mitverantwortlich weiß für das Wohlergehen unseres deutschen und europäischen Gemeinwesens. Meine Profession als freischaffender Philosoph führt dazu, dass ich in den vergangenen Jahren zahlreiche Gespräche geführt habe, die sich mit der Frage befassten, wie wir in Deutschland und Europa den vielfältigen Herausforderungen der Gegenwart werden begegnen können. Der Vorschlag, den ich Ihnen heute vorlegen möchte, ist die Frucht dieser Diskurse. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie diesen Vorschlag ernstlich prüfen und sich gegebenenfalls zueigen machen wollten.

Vorschlag zur Einführung eines Europäischen Bürgerdienstes

Ich schlage vor, dass die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union für Ihre Bürgerinnen und Bürger einen verpflichtenden Europäischen Bürgerdienst einführen: Jede(r) junge Europäer(in) wird dazu verpflichtet, ein Jahr lang dem europäischen Gemeinwesen durch soziale, ökologische oder andere zivile Aufgaben zu dienen. Der Dienst wird nicht im Herkunftsland, sondern in einem anderen europäischen Land verrichtet, ein ggf. erforderlicher Sprachkurs wird den Bürgerdienstleistenden kostenlos ermöglicht. Teil des Bürgerdienstes ist ferner ein Pflicht-Programm politischer Bildung zu den zentralen europäischen Werten und Institutionen. Militärdienstleistende sind vom Bürgerdienst befreit. Alle anderen jungen Männer und Frauen werden zu ihm verpflichtet. Verpflichtet werden ebenfalls in Europa lebende Einwanderer und anerkannte Flüchtlinge. Der Bürgerdienst kann nicht aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen verweigert werden. Er kann so organisiert werden, dass er die Rechte auf freie Religionsausübung etc. nicht einschränkt. Wer dem europäischen Gemeinwesen zugehört, wird für die Werte Europas in Dienst genommen. Zu erwägen wäre, Senioren nach Ende ihrer Berufstätigkeit dazu zu ermutigen, ebenfalls den Bürgerdienst zu leisten.

Zur Begründung sind folgende Argumente zu nennen:

  • Die terroristische Bedrohung durch den »Islamischen Staat« zeigt die Notwendigkeit eines verbindend-verbindlichen europäischen Bürgerbewusstseins. Wir werden dem nach Europa getragenen Terror nur gewachsen sein, wenn wir ihm als geschlossenes Europa mit einem klaren Bewusstsein für die Europäischen Werte und Traditionen begegnen.
  • Die vermutlich zunehmende Zuwanderung nach Europa nötigt das Europäische Gemeinwesen, sich seiner tragenden Werte zu vergewissern und diese als Bürgertugenden in der Gesellschaft zu implementieren. Werte zu proklamieren allein genügt nicht. Werte müssen als Tugenden gelebt werden. Tugenden müssen eingeübt und durch Praxis inkorporiert werden. Wenn z.B. ein junger Grieche ein Jahr lang in Irland in einer Pflegeeinrichtung arbeitet, wird er zugleich ein europäisches Bürgerbewusstsein entwickeln und zentrale Tugenden der europäischen Kultur ausbilden.
  • Der Dienst am Gemeinwesen fördert die Ausbildung eines Gemeinsinns, der für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft nottut. Noch ist es nicht lange her, dass in Deutschland junge Männer Wehr- oder Zivildienst leisteten. Dies führte zu einem deutlich stärkeren Bewusstsein politischer Zugehörigkeit und Verantwortung als es bei den heutigen jungen Menschen anzutreffen ist. Jüngste demographische Erhebungen zeigen, dass wir heute die unpolitischste Studentengeneration seit dem 2. Weltkrieg in Deutschland haben. Dem zunehmenden Egoismus und Narzissmus in unserer Gesellschaft kann durch den Bürgerdienst konstruktiv begegnet werden.
  • Für junge Migranten bietet der europäische Bürgerdienst eine vorzügliche Chance der Integration. Sie werden die europäischen Werte in Theorie und Praxis kennenlernen, sie werden in europäischer Bürgerkunde unterwiesen, sie werden aus dem Umfeld enger Parallelgesellschaften herausgenommen und auf diese Weise auch möglicher Radikalisierung entzogen. Sie werden andere Sichtweisen und Ausprägungen der europäischen Kultur kennenlernen. Man stelle sich vor, die Attentäter von Paris wären durch den Europäischen Bürgerdienst dazu genötigt worden, ein Jahr lang gemeinsam mit jungen Männern und Frauen aus anderen Ländern ökologische Projekte in Polen zu begleiten. Es wäre nicht unwahrscheinlich, dass sie auf dieser Weise der Indoktrination entgangen wären und stattdessen ein europäisches Zugehörigkeitsgefühl entwickelt hätten.
  • In gesamteuropäischen Krisensituationen wie dem Zustrom hunderttausender Flüchtlinge in das ohnehin gebeutelte Griechenland können Bürgerdienstleistende schnell und unbürokratisch in betreffende Krisengebiete verlegt werden, um dort mit erheblicher Manpower die Kräfte vor Ort zu unterstützen.
  • Zum Ausbildungsprogramm der Bürgerdienstleistenden sollte ein Kurs in Zivilschutz gehören, der die Menschen befähigt, in Fällen terroristischer oder anderer Bedrohung umsichtig und sinnvoll zu handeln. In Zeiten neuartiger Bedrohungsszenarien könnte auf diese Weise die Sicherheit in Europa erhöht werden.
  • Die Begegnung mit jungen Menschen aus anderen europäischen Ländern dürfte für die Bürgerdienstleistenden eine gute und prägende Erfahrung sein, die ihnen schlechterdings Spaß und Freude bereitet.
  • Junge Menschen reagieren auf die Idee des Bürgerdienstes positiv. Es gibt in ihnen etwas, das in den Dienst des Gemeinwesens genommen werden möchte. Lange, fruchtlose Orientierungsphasen nach Schulende könnten durch eine sinnvolle Tätigkeit – auch im Dienste der Selbstfindung – ersetzt werden.
  • Das Europäische Gemeinwesen und die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben eine hohe Verantwortung für seine Bürgerinnen und Bürger. Diese Verantwortung legitimiert die Union und seine Mitgliedsstaaten, die innerhalb der Grenzen der Europäischen Union lebenden Menschen zu einem Dienst an ihrem Gemeinwesen zu verpflichten, sofern er im Dienste der tragenden Werte dieses Gemeinwesens steht.
  • Dienen ist eine Grundqualität menschlichen Lebens, die im Selbstverständnis unserer Gesellschaft zu lange zu wenig Beachtung gefunden hat. Der Bürgerdienst erscheint als probates Mittel, Narzissmus und Egoismus einzudämmen.
  • Bestehende Einrichtungen wie das Freiwillige Soziale Jahr ebenso wie der frühere Zivildienst haben einen reichen Erfahrungsschatz hervorgebracht, auf den bei den finanziellen, logistischen und organisatorischen Herausforderungen im Zuge der Einrichtung und Einführung des Bürgerdienstes zurückgegriffen werden kann.
  • Angesichts der dramatischen Zuspitzung der Bedrohung der europäischen Kultur wäre es politisch ein bedeutendes Symbol, wenn sich die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union dazu entscheiden könnten, einen solchen einfachen aber höchst effizienten Schritt in Richtung europäisches Bürgerbewusstsein zu wagen. Ein solcher Schritt wird globale Aufmerksamkeit finden.

Möglicherweise ist es zu ambitioniert, einen Bürgerdienst sogleich für alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union vorzuschlagen. Nach meinem Dafürhalten wäre bereits einiges gewonnen, wenn wir in Deutschland und einigen anderen, dieser Idee aufgeschlossenen Ländern ein solches Institut etablieren würden. Diesbezüglich wäre zu ermitteln, ob der politische Willen für ein solches Projekt vorhanden ist. Ebenfalls zu prüfen ist die Finanzierbarkeit der Idee. Angesichts des außerordentlichen politischen Gewinns, den das Projekt verspricht, dürfte die Finanzierung jedoch kein unüberwindliches Hindernis darstellen.

Erlauben Sie mir eine abschließende Bemerkung: Mir scheint, dass es für die Zukunft und den Bestand Europas wichtig ist, in dieser dramatischen Zeit ein deutliches Signal der Bereitschaft zur Entwicklung zu setzen. Mehr innere Sicherheit und militärische Einsätze sind notwendig, werden allein jedoch nicht dazu führen, dass Europa als politisches Gemeinwesen gestärkt aus dieser bedrohlichen Zeit hervorgeht. Letzteres aber sollte das Ziel europäischer Politik sein. Die europäische Geschichte lehrt, dass dieser Kontinent wiederholt aus bedrohlichen Epochen erneuert hervorgegangen ist. Eine solche Erneuerung ist 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs das Gebot der Stunde. Die Einführung eines Europäischen Bürgerdienstes könnte das Instrument einer solchen Erneuerung sein. Den Mut dazu sollten wir aufbringen.

Ich danke Ihnen für Ihre interessierte Lektüre. Als Urheber dieser Idee erhebe ich keine Ansprüche, biete Ihnen jedoch an, für sie in Ihren Gremien oder in der Öffentlichkeit zu werben, sofern dies Ihr Wunsch sein sollte. Dass mich eine zeitnahe Reaktion Ihrerseits freuen würde, versteht sich von selbst. Gerne bleibe ich im Gespräch mit Ihnen.

 
Mit freundlichem Gruß

Dr. Christoph Quarch, Fulda 30.11.2015